

Höchster Kreisblatt, Ausgabe vom 28.07.2008
Von Hanspeter Otto
Hofheim. Hofheim ist weltweit in Finanz- und Bankkreisen ein Begriff – neben London, Tokio, New York und natürlich auch Frankfurt. Bekannt geworden ist die Kreisstadt durch eine Bank, die unauffällig in den oberen Stockwerken des «Scorpion-Hauses» am Untertor arbeitet. «TASS-Wertpapierhandelsbank» steht auf zwei Leuchttransparenten so hoch am Haus, dass es von der Straße aus nur schwer zu sehen ist. Privatkunden gibt es nicht, denn die TASS-Wertpapierhandelsbank handelt mit «Floating Rate Notes», das sind variabel verzinsliche Wertpapiere, an denen andere Banken immer wieder kurzfristig interessiert sind. TASS ist die Relaisstelle. «Das könnten die auch selber machen», sagt Hansjörg Polz, der mit seiner Frau Margot und Sohn Frank Inhaber der GmbH ist. Aber die Banken seien personell unterbesetzt und es sei ein riesiger Aufwand, täglich die Zinsentwicklung etlicher tausend Floater zum Teil per Telefon abzurufen.
Genau darauf hat sich das Unternehmen spezialisiert. In Hofheim hat Tass eine riesige interne Datenbank aufgebaut mit rund 10 000 Titeln, die ständig die aktuellen Bewertungs- und Marktkurse bieten. Dazu kommen das Finanz-Informationssystem Bloomberg und die Finanzabteilung der Presseagentur Reuters, bei denen Tass insgesamt 2200 Seiten mit Informationen zu über 5100 Floatern bereithält. Da die Hofheimer zudem, wie sie sagen «keine eigenen Positionen halten», das heißt, keine eigenen Produkte verkaufen, können sie ihren Kunden gegenüber ausgesprochen neutral und fair auftreten. Deshalb wird TASS auch von Investmentbanken gebeten, deren angelegte Werte zu bewerten. Die so ermittelten Preise haben den Status offizieller Preise im Floater-Markt. Die TASS in Hofheim, so verkündet Polz, sei die zentrale Institution am deutschen Markt bei Floating Rate Notes.
1993 kam Hansjörg Polz, damals noch bei der Deutschen Bank, auf die Idee, auf eigenes Risiko zu handeln. Was bei einem Essen in der «Scheuer» ausgedacht wurde, begann als Zwei-Personen-Firma unter dem Namen TASS-Wertpapiervmakler GmbH. Heute hat das Unternehmen, das sich inzwischen Wertpapierhandelsbank nennt, 35 Mitarbeiter und expandiert weiter. Seit einem Jahr darf die Firma den Titel Bank tragen. Damit darf TASS auch Kundengelder betreuen.
Mit der Börsenaufsicht sei man sich einig, dass TASS auch als Börse firmieren dürfe. «Dann wird man aber Körperschaft des öffentlichen Rechts», sagt Polz. Für ihn ein Grund, lieber zu verzichten, denn der bürokratische Aufwand sei extrem zeit- und kapazitätsraubend. «Exchange» dürfe sich das Unternehmen aber nennen, in diesem Fall nichts weiter als das englische Pendant zu Börse. So sagt Polz denn auch: «Eigentlich ist Hofheim Börsenplatz.»
Zu bürokratisch sind Polz auch einige Gepflogenheiten in der klassischen Ausbildung von jungen Leuten. «Wir haben schon einige Dispute mit der Industrie- und Handelskammer gehabt», sagt er. Zwar kann TASS als offizieller Ausbildungsbetrieb antreten, aber die obligatorische Berufsschule mag Polz nicht. Sechs Wochen verlorene Zeit, meint er. Wer bei ihm lerne, habe zwar anschließend keinen IHK-Abschluss, aber beste Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die Schulung sei intensiv mit viel internem Unterricht und intensivem praktischen Training. Polz: «Das alles zweisprachig zehn Stunden an Tag.» Junge Leute, die sich ausbilden lassen möchten, müssen nicht Abitur haben. «Die besten Erfahrungen haben wir mit Realschülern gemacht», sagt Polz.
Wer über 40 ist – da werden Wertpapierhändler üblicherweise bei den Banken vor die Tür gesetzt – gehört bei TASS nicht zur Rentnergeneration. «Wir geben doch nicht so einen Erfahrungsschatz auf, so etwas bekommt man doch nicht wieder», betont Polz und fügt an: «Hier herrscht ein ausgesprochen freundschaftliches Arbeitsklima mit flacher Hierarchie.» Er begründet, warum er darauf so viel Wert legt: «Hier geht alles nur in Teamarbeit, hier muss sich jeder blind auf seinen Nebenmann verlassen können.» Zwei Mitarbeiter, die sich nicht riechen konnten, wurden Knall auf Fall auf die Straße gesetzt. «Wir haben das an den Zahlen gemerkt», beschreibt Polz die Konsequenz. Den in der Branche üblichen Leistungsdruck auf den einzelnen Mitarbeiter gebe es auch nicht. «Die hektische Gier, das Raffen um jeden Preis schadet auf Dauer.»
Dass TASS seinen Sitz in Hofheim hat und langfristig behalten wird, ist erst einmal ein Zufall. Der Bochumer Polz kam wegen der Arbeit ins Rhein-Main-Gebiet, wohnte zunächst im Raum Offenbach und in Kriftel und entdeckte dann Hofheim. Mit seiner Frau bezog er zuerst eine Mietwohnung am Rosenberg, inzwischen besitzen sie dort ein Haus. TASS und Polz werden bleiben.
