
Von Alexander Armbruster, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Juli 2010
Positiv gewendet sieht es im Finanzmarkt momentan aus wie in einer Tropfsteinhöhle. Anstelle phantastisch anmutender Stalagmiten verblasst mit Blick auf die Kursentwicklung wichtiger Leitindizes jedoch alles kindliche Staunen. Stattdessen bleibt eine gewisse Ratlosigkeit angesichts der schnell aufeinanderfolgenden Aufs und Abs, in denen ein Trend nur schwer zu erkennen ist.
„Die Märkte reagieren sehr stark auf die überaus widersprüchlichen Nachrichten aus der Wirtschaft”, sagt Carsten Ringler, Geschäftsführer der TASS-Wertpapierhandelsbank, eines der weltweit größten Handelshäuser für fest und variabel verzinsliche Anleihen. „Auf der einen Seite gibt es wirklich gute Nachrichten aus den Unternehmen, die wieder höhere Gewinne ausweisen und ihre Ziele anheben; auf der anderen Seite bleibt allerdings die Angst angesichts der Schuldenprobleme vieler Länder.”
Als Beispiel nennt er das von europäischen Regierungen beschlossene Rettungspaket und die damit einhergegangenen Stützungsmaßnahmen der europäischen Zentralbank. „Wir haben daraufhin eine Erleichterungsrally an den Märkten gesehen, sehr lange hielt dieser Optimismus aber nicht an.” Gerade Griechenland wird aus seiner Sicht an einer Umschuldung früher oder später nicht vorbeikommen.
Neben den Sorgen über und innerhalb Europas führt Ringler allerdings auch sich eintrübende Aussichten für die Vereinigten Staaten an. Eine ganze Serie von an den Märkten beachteter wichtiger Wirtschaftsdaten sei extrem schlecht ausgefallen. Beispielsweise ist der Stimmungsindex der Federal Reserve Bank von Philadelphia im Juni von 21,4 Prozent auf 8 Prozent gesunken. In der vergangenen Woche erschütterte eine Kennzahl vom amerikanischen Immobilienmarkt, von dem aus sich die Finanzkrise um die Welt ausgebreitet hatte, das Vertrauen der Anleger: Die Zahl der verkauften Neubauten ist demnach im Mai gegenüber dem Vormonat um 32,7 Prozent gesunken auf den niedrigsten Stand seit der Erhebung dieser Daten im Jahr 1963.
„Die Zahlen sind klare Zeichen dafür, dass sich die Nachrichtenlage über die wirtschaftliche Entwicklung verschlechtern wird.” Aus Ringlers Sicht drücken die Anleger durch Verkäufe und sinkende Börsenkurse die Angst vor einer Wachstumsdelle in den kommenden Monaten aus. Eine abermalige Rezession, die zuweilen unter den Anlegern unter dem Schreckensszenario „Double Dip” grassiert, wäre ihm zufolge ein großes Risiko. „Die Regierungen sind nicht in der Lage, abermals Rettungsmaßnahmen zu ergreifen, wie sie das infolge der Krise bereits getan haben.”
Aus dieser Perspektive heraus sei auch erklärlich, warum gerade in Amerika die Sorge vor einer wirtschaftlichen Schwächephase mit möglicherweise sogar sinkenden Preisen auf breiter Front (Deflation) im Moment groß ist. Je weiter Ringler in die Zukunft blickt, umso größer gewichtet er allerdings das gegenteilige Risiko eines steigenden Preisniveaus (Inflation). „Es wird eine Tendenz dazu geben, die Staatshaushalte wenigstens teilweise über eine Reflationierung zu sanieren.”
Anleger, die im Schwitzkasten zwischen Wachstumssorgen und Staatsschulden stecken, müssen angesichts dessen eine knifflige Entscheidung treffen, was sie mit ihrem Vermögen machen sollen. Ringler empfiehlt vor allem Aktien von großen, fest etablierten Unternehmen, die über Marktmacht verfügen und ihren Anteilseignern überdies eine, gemessen am Aktienkurs, hohe Dividende zahlen. Außerdem rät er dazu, physisches Gold und Silber zu kaufen. „Beide Edelmetalle bieten ihren Besitzern neben dem Werterhalt der Anlage auch einen Schutz vor Inflation.” Seine Sicht ist dabei auch eine historische: „Gold und Silber werden von der Menschheit seit mehreren tausend Jahren als Zahlungsmittel eingesetzt; dieses Vertrauen über einen so langen Zeitraum muss sich das Papiergeld erst noch erarbeiten.”
Im Vergleich zwischen beiden Edelmetallen präferiert Ringler eindeutig Silber. Aus ihm werde nicht nur Schmuck hergestellt, sondern auch immer mehr Komponenten in der industriellen Produktion – und zwar ganz gleich, ob es um die Solarindustrie gehe oder um die Fertigung von Fernsehern. „Beide Faktoren sollten die Nachfrage nach Silber künftig steigen lassen.” Ringler hält für gut möglich, dass sich der Silberpreis innerhalb der kommenden Jahre verdoppelt; langfristig könne auf 50 bis 75 Dollar für eine Unze steigen (momentan kostet eine Unze Silber etwa 18 Dollar). Und schließlich spreche für Silber auch das aktuelle Tauschverhältnis gegenüber Gold (Gold-Silber-Ratio). „Im März 1983 musste man 30 Silbermünzen aufwenden, um eine Goldmünze zu bekommen; das Verhältnis liegt momentan in einer Höhe von 66 Silbermünzen für eine Goldmünze.” Neben den physischen Edelmetallen findet er auch ausgewählte Minenaktien interessant und ebenfalls die Währungen rohstoffreicher Länder wie etwa Kanada oder Australien. ALEXANDER ARMBRUSTER
